Was soll'n das?

Wagenplatz? Wagenburg? Wagenbürger? Wagabunden?

Aufgrund von vielen Missverständnissen und Vorurteilen die wagenbewohnenden Menschen immer wieder entgegenschlagen, wollen wir uns hier mal bisschen Vorstellen: Wir, das Wagenplatzprojekt „Rad*Aue“ sind eine Gruppe von aktuell 11 Personen die gemeinsam auf einem alten Schotterplatz im Jenaer Norden in beweglichen Behausungen (Ausgebauten LKWs, Bau- bzw. Campingwägen) leben. Wir sind ein Teil der Stadt.

Entgegen der oft anzutreffenden Vorstellung sind wir weder alle Anfang 20, noch sind wir alle Student_innen und zum Geldverdienen gehen wir tatsächlich auch arbeiten. Unser Alltag ist dabei so verschieden wie bspw. der von Menschen die gemeinsam einen großen Mietwohnungsblock wohnen. Wir alle haben aber irgendwann in unserem Leben beschlossen, in einen Wagen zu ziehen, was uns letztlich auch zusammengebracht hat.

Die Gründe dafür sind vielfältig, zum Beispiel:

→ ein bewussterer Umgang mit Ressourcen und ein direkter Bezug zur Umwelt
→ Unwohlsein bei längerem Aufenthalt in Rauhfaser-weiß-Mietwohnungen
→ Leben in Gemeinschaft, mit dennoch viel Privatsphäre
→ der Luxus eines mobilen Hauses und die Freiheit einfach mit Sack und Pack umziehen zu können
→ Senkung der Wohnkosten um Mehr Zeit und Geld zum Leben zu haben
→ Die Möglichkeit, den eigenen Wagen nach eigenem Wohlwollen gestalten zu können

Die Idee dazu ist nicht neu, mittlerweile gibt es schätzungsweise 150 Wagenplätze in Deutschland, allein in Leipzig sind es über ein Dutzend. Darunter gibt es zahlreiche, die schon lange an einem Ort und teilweise auch kommunalrechtlich abgesichert sind, andere sind der ständigen Illegalisierung ausgesetzt und daher gezwungen ständig von Platz zu Platz zu ziehen.

Mobil sein ist vielen wichtig, es ist aber nicht so, dass wir ständig nur herumziehen. Klar, die Möglichkeit dazu zu haben ist schön aber wir haben hier in der Stadt auch Freund_innen, Familie, Arbeit, Studium, andere Vereine und Projekte an denen wir uns beteiligen – kurzum wir wollen auch gern mal einfach eine längere Zeit (d.h. mehrere Jahre) an einer Stelle bleiben können. Ein ständiges Leben im Provisorium ist nicht das wonach wir suchen. Vielmehr ermöglichen erst längere Sicherheiten, an einem Ort bleiben zu können, die schönen Seiten eines Wagenplatzes für uns und andere voll zu entfalten. Denn Wagenplätze sind oft auch für nicht-wagenwohnende Menschen aus der Umgebung Orte abwechslungsreicher sozialer Begegnung. Auch wir verstehen unseren Platz als Ort für verschiedenste kulturelle Veranstaltungen, Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops. So fanden in unserem ersten Jahr bereits mehrere Filmabende, Verschenke-Flohmärkte, Nachbarschaftscafés, Küfas (Küche für alle) und ein großes Sommerfest mit Konzerten und Programm für Menschen zwischen 0 und 999 Jahren statt. Bei all unseren Veranstaltungen ist uns ein unkommerzieller Gedanke sehr wichtig, dass heißt Kultur ist für uns in erster Linie Selbstzweck, alle Spenden die wir erhalten kommen direkt dem Projekt zugute. Alle Arbeit auf unserem Platz passiert komplett unbezahlt und ehrenamtlich und oft zahlen wir sogar drauf um mit anderen einen schönen Tag bei uns zu gestalten.

Aufgrund des begrenzten Platzangebots der Wägen findet das gemeinschaftliche Leben oft unter freiem Himmel statt. Den Platz zwischen den Wägen nennen wir deshalb auch gern mal unser Wohnzimmer. In dem sind wir auch gern mal unter uns, denn auch wir fühlen uns mit einer gewissen Privatsphäre wohl und haben nicht immer Lust mit allen Vorbeikommenden ein längeres Gespräch über unser Leben und unser Projekt zu führen. Das heißt nicht dass wir nicht bereit sind auch mal was zu erklären oder mit der ein oder anderen Nachbar_in mal einen netten Plausch zu halten. Freundliches Nachfragen „ob das grad passt“ soll aber schon einige schöne Gespräche und Begegnungen angebahnt haben.

Gelegentlich begegnen wir auch Leuten, die uns klassistische oder antiziganistische Äußerungen an den Kopf werfen. Solchen entgegnen wir: Wir haben ein großes Problem mit menschenverachtenden Einstellungen und wer so denkt ist hier bei uns nicht willkommen.

Unser Umgang mit Müll und Abwasser ist seit dem wir hier wohnen Gegenstand absonderlichster Spekulationen. Auch wenn unsere Worte bei einigen Menschen nicht viel zu bewegen scheinen: Wir kippen keinen Müll und keine Fäkalien in die Saale oder den Wald. Wir haben Mülltonnen in Betreuung der KSJ, ein Kompostklo und ein gemietetes Dixi in das auch unser Abwasser kommt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Prinzipiell finden wir es immer gut, wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, Vorurteile und Bedenken persönlich ausräumen zu können, denn ein gutes Auskommen mit den Menschen unserer Umgebung, gegenseitige Rücksichtnahme, freundliche Diskussionen auch bei auseinandergehenden Meinungen sind uns wichtig. Wenn es also Probleme gibt, am besten direkt an uns wenden. Wir würden uns sehr freuen, wenn mehr mit uns gesprochen wird statt über uns. Danke!